Stefan Erdmann - Themen - Himalaya

 
Himalaja-Expedition im Oktober 2001
Besteigung und Happyend am Mt. Island

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Alles begann im Jahr 1995, als ich fünf Wochen durch Indien reiste, um zu recherchieren. Mein Weg führte mich auch kurzfristig nach Katmandu in Nepal. Dort lernte ich meinen langjährigen tibetischen Freund Kumar kennen, der mich seit 1996 auf fast all meinen Trecks und Expeditionen begleitet hat. Seit dieser Zeit gehört das Trecken und Bergsteigen im einzigartigen Himalaja zu meinen großen Vorlieben.

Neben ein paar kleineren Treckinggipfeln, die immerhin auch über 5000 m üNN lagen, kamen mit den Jahren auch vier Expeditionen auf 6000er Gipfel dazu. Nach der Besteigung des Mt. Mera Peak (6445 m üNN) im Oktober 1998, der trotz seiner Höhe zu den technisch "leichten" 6000ern gehört, bestieg ich im Dezember des selben Jahres den Mt. Kilimanjaro in Afrika. Auch die Expedition zum höchsten Gipfel Afrikas im schönen Tansania, dass ich durch meine Recherchen in den vergangenen Jahren noch öfter besuchten sollte, gehörte zweifellos zu meinen schönsten Erlebnissen in den Bergen. 

Neben den grandiosen Eindrücken und den zum Teil strapaziösen Bedingungen in den Bergen habe ich immer wieder eigene Grenzen dabei erfahren können. Natürlich auch Grenzsituationen, in die man fast nirgendwo schneller geraten kann als in den Bergen. Und das hat einen ganz einfachen Nenner: Je höher man geht, desto weniger kann man die Regeln selber bestimmen. Auch die Zahlen belegen das, denn jedes Jahr lassen viele Menschen im Himalaja bei Expeditionen und selbst beim Trecken ihr Leben. 

Im Oktober 2001 ging es dann wieder in Richtung Katmandu, die Stadt, die ihre Flower-Power-Romantik bis heute nicht ganz verloren hat. Zwei Tage Vorbereitung und dann ging es gemeinsam mit Kumar und Ausrüstung per Hubschrauber in die Berge nach Lukla. Hier trafen wir unseren Freund und Sherpa Pasang, mit dem wir seit 1998 nun schon die dritte 6000er Expedition starten. Pasang hatte sich bereits um Träger bemüht, die wir für das Tragen der Ausrüstung benötigten. In Lukla, das auf 2800 m üNN liegt, wurde dann noch die Verpflegung gekauft und die restlichen Dinge für die Ausrüstung. Meistens handelt es sich dabei um Schlafzelte, Kochzelt, Seile und diverses Eiswerkzeug, das für den letzten Akt - den Gipfelgang - unerlässlich ist. Und dann ging es los. Ziel: Mt. Island Peak. Wir brauchten etwa sieben Tage, um das Basislager zu erreichen. 

Paghding  - Der Weg ist das Ziel! Frei nach diesem Motto ging es in den nächsten Tagen über Namche Bazar, Tengboche, Dingboche, Chukhung zum Basislager, das auf etwa 5150 m üNN lag. Auf dem Weg trafen wir den einen oder anderen Bekannten wieder, wie fast jedes Mal. In Paghding begegneten wir Zatre Nima in der Namaste Lodge und in Namche Nima Sherpa, mit dem ich, gemeinsam mit Wolfgang Leichnitz, bereits 1996 den Mt. Mera Peak besteigen wollte. Wir hatten 1996 kein Glück. Nach tage- und nächtelangen Schneefällen hatten wir seinerzeit keine Möglichkeit, auf das Hochlager aufzusteigen. Wir mussten sogar durch die anhaltenden Schneefälle vom Basislager wieder absteigen. 

Die Erfahrungen, die wir vereinzelt in den letzten Jahren gesammelt haben, konnten sich während dieser Besteigung nicht bestätigen - fast während der gesamten Zeit hatten wir die besten Wetterbedingungen und auch die Gesundheit war unser ständiger Begleiter. Natürlich kamen uns auch diesmal die Nachrichten von Unglücksfällen schnell zu Ohren. Nima berichtete uns von vier spanischen Bergsteigern am Mt. Pumori, die bei einer Lawine ums Leben kamen. Ein paar Wochen zuvor war er selbst Mitglied einer anderen Pumori-Expedition, bei der eine Frau ums Leben kam. In jedem Jahr lassen auf diese und andere Art und Weise Menschen ihr Leben - was als Urlaub und Abenteuer gedacht, endet im Himalaja manchmal anders als erwartet. Auch die schlechten Nachrichten gehören dazu und können die schöne Zeit und die unbeschreiblich schönen Eindrücke des Hochgebirges nicht schmälern. Dazu kommt der tägliche Aufstieg zum nächsten Zielort auf dem Weg zum Basislager. Mit zehn bis zwölf Kilo Ausrüstung auf dem Rücken fünf bis sieben Stunden täglich bergsteigen sind eine gute Akklimatisierung und Vorbereitung für den letzten Kraftakt. Jeder, der schon einmal im Himalaja trecken war, wird die große Leistung der Porter bewundert haben. Die Porter (Träger) sind die Seele Nepals, die wahren Helden der Berge. Es ist bewundernswert und erstaunlich, ja fast unmenschlich, was sie täglich in Höhen bis über 5000 m üNN tragen - teilweise bis zu über zwei Zentner und das in schlechter Bekleidung und zum Teil mit sehr schlechtem Schuhwerk!

Diesmal war alles etwas anders. Während der Tage des Aufstiegs zum Basislager habe ich wie jedes Mal über die Mühen, Sinn und Zweck unserer Exkursionen zu den Himalajagipfeln nachgedacht und mit dem Faulpelz in mir Gericht gehalten. Natürlich mit der inneren Erkenntnis, dass der Gipfel bei der ganzen Sache nur ein Teil ist und gar nicht mal der entscheidende - Der Weg ist das Ziel! Besonders dadurch, dass mir in den vergangenen Jahren zweimal ein Gipfel beim ersten Mal versagt blieb, konnte diese wichtige Erkenntnis in mir reifen und meiner Ungeduld nützlich sein, denn oftmals stellt die Natur in den Bergen ihre eigenen Regeln auf, die der Mensch immer bescheiden befolgen sollte. Es waren vielmehr meine eigenen Grenzen, die mir leise und unbewusst schon Antwort gaben. Für mich war das Trecken und Bergsteigen immer eine Form der Reinigung, samt der kleinen Last, die ich täglich auf dem Rücken trug. Die übermächtigen und königlichen Erhebungen fordern nicht nur unseren ganzen Willen, Disziplin, Mut und Ausdauer - sie erinnern mich, wecken mich auf und fordern mich jedes Mal zu Demut und Bescheidenheit auf. 

Am Sonntag, den 28.10.2001, gegen 2.18 Uhr morgens war dann Aufbruch zum Gipfel. Was wir jetzt noch nicht wussten: Es lagen entgegen unserer kalkulierten Zeit von etwa 10 Stunden über 16 Stunden bis zur Rückkehr ins Basislager vor uns. Die Wetterbedingungen waren optimal - sternenklarer Himmel, Vollmond und verhältnismäßig milde Temperaturen. Natürlich läuft fast nie alles nach Plan, so auch dieses Mal. Kurz nach dem Aufstieg vom Basislager bemerkten Pasang und ich, dass wir einen weiteren Begleiter hatten: einen Mountaintiger! In einem Abstand von 70 bis 100 Metern war er oder sie ständig um uns herum. Uns war natürlich etwas unwohl und wir blieben öfter stehen als gewohnt, um unsere Umgebung mit unseren Kopfleuchten abzusuchen. Für ein anderthalb Stunden hatten wir die "Katze" nicht mehr gesehen, dann war sie wieder da. Es war immer noch dunkel, d.h. etwa eine Stunde vor Sonnenaufgang, auf den wir sehnlichst warteten. Auf dem Hochlager haben wir dann den Entschluss gefasst eine Dreiviertelstunde bis zum Sonnenaufgang zu warten, weil sich die Katze mittlerweile rechts vor uns bewegte und uns ständig im Auge behielt. Genau in diese Richtung führte unser weiterer Aufstieg. Unser größtes Glück war, dass wir recht milde Temperaturen hatten und dazu kaum Wind. Im Hochlager mussten wir dann auch noch feststellen, dass wir für den verbleibenden Aufstieg und den anschließenden Abstieg zu wenig Flüssigkeit mitgenommen hatten. Nach einer Dreiviertelstunde war das Warten endlich vorbei, der Sonnenaufgang hatte unseren Begleiter verscheucht. Der mühsame Aufstieg ging weiter. Nach weiteren drei Stunden hatten wir endlich den Gletscher erreicht - endlich! Schon zu diesem Zeitpunkt lagen wir in unserem Zeitplan deutlich zurück. Wir entschieden uns dennoch für den Gipfelgang und nicht für den Abstieg, auch wenn wir schon zu diesem Zeitpunkt wussten, dass wir möglicherweise bei Dunkelheit absteigen werden müssen und zudem unsere Flüssigkeitsvorräte sehr knapp waren.

Das Panorama und die Ruhe sind in diesen Höhen atemberaubend schön und mit Worten nur schwer wiederzugeben. 


Im Hintergrund der Gipfel des Mt. Island


Am Fuße des Mt. Island


Pasang Sherpa


Gipfelanstieg

Nun lag der Gipfel fast vor uns. Überhaupt kann man erst ab diesem Punkt, nach über einer Woche, das erste Mal den Gipfel wirklich erblicken. Es war noch etwa eine Stunde bis zum Fuße des letzten steilen Aufstiegs. Ab hier geht alles nur noch mit Eiswerkzeug d.h. Steigeisen und Eisaxt. Zur Sicherheit wegen möglicher Gletscherspalten für den der Mt. Island besonders gefürchtet ist, gingen wir geseilt mit 15 m Abstand. Nun ging der Tee langsam zur Neige, deshalb mussten wir den verbleibenden Tee mit Eis auffüllen. Am Fuße des Gipfels hatte ich mich wieder einmal mehr gefragt, was ich hier eigentlich mache. Ich war am Ende meiner Kräfte und vor mir lag eine 250 bis 300 m lange Gletscherhöhe mit überschneiten Gletscherspalten, die im Durchschnitt 80 Grad betrug. Für einen geübten Bergsteiger, der mit Steigeisen und Gletscherbrille auf die Welt kommt, eine Leichtigkeit. Für mich war auch dieser Gipfel einmal mehr eine weitaus größere Herausforderung als für einen geübteren Alpinisten. 

Da Pasang etwa eine halbe Stunde brauchte, um die Fixseile zu setzen, konnte ich langsam wieder Kräfte sammeln. Kurz unter uns näherte sich eine vierköpfige amerikanische Expedition mit Luis als erfahrenen Führer, denn der hatte im vergangenen Mai erst den Mt. Everest bestiegen. 

Dann waren es noch etwa 45 Minuten, um die Wand, im sicheren Gefühl des Fixseiles, bis zum Gipfel zu überwinden. Bei einem Blick in die Tiefe darf man Eines nicht fragen: Wie komme ich da bloß wieder runter? Ist der Gipfel erst einmal erreicht, ist bekanntlich alles vergessen - alle Mühe, alle Anstrengung. Und ein wenig ist das auch so, denn ein Gipfel, ist immer ein Stück Loslassen und hat man erst einmal losgelassen, sind Körper, Geist und Seele wieder etwas leichter.

Die Momente, die Aussicht und der große Gefühlscocktail, den man dort oben erlebt und für den man so viele Tage kleinere und größere Opfer erbringen musste, dauerte "nur" eine halbe Stunde. Die Zufriedenheit über das Erreichte währte nur ein paar Minuten. 

Der steile Abstieg, der besonders an den Gletscher-Passagen schwierig ist und äußerste Konzentration erfordert, begann. Ich stieg als Erster ab, Pasang sicherte das Fixseil. Etwa bei 6000 m üNN war ich bis zum Rumpf in eine der überschneiten Gletscherspalten eingebrochen. Was war geschehen? Alles passierte in Bruchteilen von Sekunden. Ich stieg schräg ab und setzte immer den rechten Fuß zuerst. Bei jeder Schrittfolge gab ich etwa einen halben Meter Seil. Plötzlich brach eine dünne Schneedecke über einer Gletscherspalte ein. Ich hatte Glück im Unglück. Die Schneedecke brach nur, als ich mit dem rechten Fuß aufsetzte, so dass sich bereits das Seil und mein Körper sich schon in einer Rückwärtsbewegung befanden. Ich ließ mich instinktiv fallen und stürzte einige Meter in die Tiefe. Erst durch das erneute Greifen des Fixseiles kam ich wieder zum Stoppen. Im Nachhinein betrachtet war es mein großes Glück, dass beim Einbruch nicht die gesamte Schneedecke über der Gletscherspalte einbrach. Auch Pasang blieb das Herz stehen, wie er mir später berichtete. Er konnte natürlich alles genau beobachten, weil er erst nach mir Abstieg.

Als wir nach dem steilen Abstieg wieder am Gletscherrücken ankamen und die restliche Ausrüstung eingepackt hatten, ging es geseilt wieder den etwas sanfteren Gletscher hinunter - zurück in Richtung Hochlager und Basislager. Wir blickten uns noch ein paar Mal um, denn nach meinem Einbruch beobachteten wir die vier Bergsteiger sehr genau. Den Verlauf der Gletscherspalte konnten wir von weiter unterhalb gut erkennen. Nach weiteren 20 Minuten konnten wir aber sehen, dass sie die Gletscherspalte gut überschritten hatten. 

Beim Abstieg ins Hochlager unterhielten wir uns natürlich ausgiebig über diese gefährliche Situation. Pasang erzählte mir, wie er einmal bei einer seiner letzten Expeditionen am Mt. Mera Peak, selbst über zehn Meter in eine Gletscherspalte stürzte. Wie ich nun erfuhr, hatte Pasang bereit vor unseren Expedition seiner Familie (er hat zwei kleine Kinder) versprochen, keine 6000er Gipfel mehr zu besteigen. "Sie machen sich bei jeder Expedition große Sorgen, und das ja nicht ganz unbegründet. Das Risiko, dem ich mich jedes Mal aussetzte, ist zu hoch." Seine Familie ist durch die Vergangenheit leidgeprüft, denn einer von Pasangs älteren Brüdern kam bei einer Cho-Oyu-Expedition auf tragische Weise ums Leben. 

Pasang ist in seinem Verhalten und Auftreten ein sehr bescheidener, angenehmer und umsichtiger Mensch. Darüber hinaus habe ich seine Ehrlichkeit vor allem aber seine Gründlichkeit bei der Vorbereitung und Durchführung jeder unserer Expeditionen sehr schätzen gelernt. Sein Schritt als Sherpa nur noch die kleineren Trecking-Gipfel anzusteuern, um so seinen Lebensunterhalt zu sichern, hat mich bewegt und auch sehr gefreut, da diese ein weitaus geringeres Risiko darstellen als Sechstausender oder Siebentausender.

Im Hochlager wartete bereits einer unserer Träger mit Tee und Keksen. Im Basislager wieder angekommen, war die Freude über den Gipfelerfolg natürlich groß, aber noch größer war die Freude, dass wir gesund und munter waren. Besonders Kumar hatte sich doch große Sorgen gemacht, wie sich später herausstellen sollte.

Für mich - und ich denke auch für Pasang - war es dieses Mal nicht nur der Gipfelerfolg, der uns besondere Zufriedenheit schenkte. Das größte Geschenk war für uns das Erkennen neuer Grenzen, die Vernunft und das größte aller Geschenke wieder intensiver und bewusster erkannt zu haben: Die Gesundheit - sie ist die wichtigste Grundlage für all unser Handeln und Tun - sie ist das größte Gut, dass wir besitzen dürfen.

Was ich bei meiner Abreise aus Kathmandu - im November 2001 - nicht ahnen konnte, war, dass es auch ein Abschied für immer von meinem Freund Kumar werden sollte. Wieder in Deutschland angekommen hielten wir wie immer regen Kontakt, wir telefonierten wöchentlich oder tauschten Gedanken und Informationen per Email miteinander aus. Unsere nächste Tour war bereits geplant! Es sollte aber keine Expedition wie die letzte werden, sondern ein gemeinsamer Treck. Wir hatten eine Tour im schönen Annapurna-Gebirge mit mehreren Freunden geplant. Das Annapurna-Gebirge zählt man sicherlich nicht umsonst zu den schönsten Berglandschaften dieser Erde. Bereits 1995 und 1996 hatte ich gemeinsam mit Wolfgang Leichnitz das Annapurna-Gebirge durch zwei kleine Exkursionen kennen und lieben gelernt. Auch Kumar führte, besonders in den letzten Jahren, viele Treckinggruppen durch das Annapurna-Gebirge. Nur gemeinsam hatten wir es in den letzten Jahren nie geschafft, dass Annapurna-Gebirge zu umwandern.

Wie immer waren die wichtigsten Vorbereitungen durch Kumar bereits im Vorfeld getroffen. Am 20. Mai 2002 hatten wir uns in Katmandu verabredet. Am Tag meiner Abreise erhielt ich von unserem gemeinsamen Freund Narayan die Nachricht von Kumars plötzlichem Ableben. Er starb am 19. Mai im Alter von nur 30 Jahren. Als ich gemeinsam mit Andreas Kattre einen Tag später in Kathmandu ankam, war Kumars Leichnam bereits verbrannt, er hinterließ eine Frau, eine Tochter und einen Sohn. Für mich war es die schwerste und traurigste Zeit in Nepal, in dem Land, in dem ich in den vergangenen Jahren so viele schöne Erlebnisse und glückliche Momente erfahren konnte. Nur eine Woche nach meiner Ankunft trat ich in diesem Jahr wieder die Heimreise an...

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